Ghandi, Mahatma

Anlässlich des 60. Todestages von Mahatma Gandhi erschien folgender Artikel von Klaus Wallenstein in der "Roten Fahne" 6/2008:


Der gescheiterte Traum vom gewaltlosen Befreiungskampf



Hat Indien seine Befreiung vom Joch des Kolonialismus dem Weg des gewaltlosen Widerstands zu verdanken, der von „Mahatma“ Gandhi vertreten wurde? So jedenfalls wird es in den bürgerlichen Medien anlässlich seines 60. Todestags am 30. Januar dargestellt. Bis heute werden damit Hoffnungen in symbolische Aktionen wie Menschenketten oder den Boykott bestimmter Produkte genährt, wie sie von Gandhi favorisiert wurden.

 

Der junge Rechtsanwalt Mohandas Karamchad Gandhi übernahm 1920 die Führung der Partei Indischer Nationalkongress, die die Interessen der einheimischen Bourgeoisie vertrat. Aufgrund seiner Selbstlosigkeit und seines einfachen asketischen Lebenswandels erwarb er sich auch unter den indischen Massen Ansehen.

Vor dem Hintergrund einer sich Ende des I. Weltkriegs in Indien entwickelnden antikolonialen und antiimperialistischen Bewegung rief Gandhi am 6. April 1919 zum „Hartal“ auf, zur Schließung aller Geschäfte und Läden als Form des bürgerlichen Ungehorsams. Der Erfolg war riesig, die Aktionen weiteten sich zu Massenkämpfen aus. Während die britischen Imperialisten mit Terror und Massakern antworteten, blies Gandhi jedoch den Kampf ab, unterstützte die Behörden bei der „Wiederherstellung der Ordnung“ und forderte Gewaltlosigkeit gegenüber dem Terror der Kolonialherren.

Auf dem Höhepunkt einer erneuten Streikbewegung beschloss der Nationalkongress im September 1920 das Konzept der „gewaltlosen Nichtzusammenarbeit“. Dieses sollte in drei Stufen realisiert werden: Ablegung der von der Regierung verliehenen Titel und dreifacher Boykott (der gesetzgebenden Körperschaften, der Gerichte und des Erziehungswesens); Boykott textiler Waren und Wiederbelebung des Handspinnens und Handwebens; Nichtbezahlung der Steuern. Bis zum 31. Dezember 1921 sollte damit die nationale Unabhängigkeit „mit friedlichen und gerechtfertigten Mitteln“ erreicht werden, was eine völlige Illusion war. Dazu stellte Willi Dickhut in seinem Buch „Proletarischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg“ fest: „Der ‚bürgerliche Ungehorsam‘, das heißt Massenverweigerung des Gehorsams gegenüber den Gesetzen – Einstellung von Steuerzahlungen (…) kann als Mittel dienen, die Massen aus der Passivität in die Aktivität überzuleiten, als Vorspiel, als Übergang zur revolutionären Erhebung, nicht aber als isolierter Akt.“ (S. 343)

Immer dann, wenn die Massenbewegungen eine revolutionäre Richtung einnahmen und sich auch gegen die Interessen der Bourgeoisie wendeten, offenbarte sich schließlich die konterrevolutionäre Rolle Gandhis und seiner Gewaltlosigkeit. Dazu zählten auch sein berühmter Salzmarsch, den er 1930 mit nur 78 Anhängern unternahm, um das britische Salz-Monopol zu brechen, und Aktionen des Boykotts britischer Textilien. Diese in den bürgerlichen Medien hofierten Stellvertreteraktionen dienten dazu, die Masse der Industriearbeiter und Bauern vom Kampf abzuhalten. Die Herrschenden reagierten mit einer massiven Unterdrückungswelle und Verboten des Nationalkongresses wie auch der Kommunistischen Partei Indiens. Die nationale Bourgeoisie wurde mit Zugeständnissen beruhigt (Gandhi: „Der Kongress hat niemals nach dem Sieg gestrebt“). Für die breiten Massen war das Konzept der zivilen Massengehorsamsverweigerung dagegen vollständig gescheitert.

Als es am 18. Februar 1946 zu einem Flottenaufstand und Meutereien kam, die sich mit einem Generalstreik der Arbeiter und Erhebungen der Bauern gegen die Feudalherren verbanden, und unter den Massen im Kampf die religiöse Spaltung zunehmend überwunden wurde – sie marschierten gemeinsam mit den Fahnen der Moslemliga, des Nationalkongresses und der Kommunistischen Partei –, stellte sich Gandhi öffentlich dagegen, weil für ihn diese Bewegung „Indien dem Pöbel ausliefern“ würde. Das richtete sich gegen den sozialistischen Weg der nationalen und sozialen Befreiung Indiens und ermöglichte es dem Imperialismus, das Land nach der Unabhängigkeit vom britischen Kolonialreich 1947 in ein neokolonial abhängiges Land zu verwandeln – eine Abhängigkeit, der in den folgenden Jahrzehnten weitere Millionen Menschen zum Opfer fielen und die einher ging mit dem Schüren des religiöses Hasses insbesondere zwischen Hindus und Moslems. Auch Gandhi selbst starb tragischerweise durch das Attentat eines fundamentalistischen Hindu.

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